Zwei Projekte bekommen ein Gesicht

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Zwischen Laptop und Handy scheint die Zeit bei Mario Wallner sprichwörtlich rückwärts zu laufen. Wie laminierte Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen stapeln sich die vielen bunten Papierkerzen auf seinem Schreibtisch. Auf emotionaler Ebene hatte sein Projekt 1945, die Menschen die ich kannte in der Gesellschaft keinen leichten Start gehabt. Buchstäblich befürchtete man das Schlimmste, insbesondere für die Dementen Zeitzeugen die damals im Zweiten Weltkrieg als Kinder viel miterleben mussten. „Wissen Sie, sobald man das Wort Demenz in den Mund nimmt, denken einige an die totale Verwirrtheit oder an Endstadion“ erklärt Wallner. Erinnerungen werden niemals Heimatlos werden, auch bei dementen Menschen nicht. Ich sehe immer wieder bei der kreativen Arbeit wie die Menschen das Gespräch suchen, auch wenn dieses Thema 1945 in unsere Gesellschaft keinen Platz mehr hat, sagt der 43-jährige weiter. Nach 6 Monaten harter Arbeit braucht sich der Projektleiter und die Zeitzeugen nicht mehr zu verstecken. Weit über 1000 Papierkerzen für die Kriegsopfer von 1945 sind schon fertig gestellt und einen Termin für die außergewöhnliche Ausstellung auf einem Acker gibt es auch schon, geplant ist der 4. November 2015.

Rund Eintausendneunhundertfünfundvierzig Kerzen werden ab diesen Tag für vier Wochen zu sehen sein, doch damit nicht genug. Frauen, Männer und Kinder – man schätzt die Zahl der Kriegsopfer von 1945 in ganz Europa auf 40 Millionen Menschen. Die Schicksale deutscher Kriegs- und Nachkriegskinder wurden teilweise oder selten hinterfragt. „Ich durfte damals keine Trauer zeigen“ sagte eine Zeitzeugin zu Wallner. „Mein Bruder und mein Vater waren im Krieg und ich war der einzige Halt für meine Mutter gewesen. Später, als ich selbst Mutter wurde sagte meine eigene Tochter dann: Mutter, hör auf mit diesen Geschichten, ich kann das nicht mehr hören. Heute mit fast 90 Jahren muss ich zugeben ja, ich habe diese Zeit niemals richtig verarbeitet.“ Grund genug für den Rhedenser nebenbei ein zweites ehrenamtliches Projekt auf die Beine zu stellen. Mit 1945, Erinnerungen ein Gesicht geben geht Wallner wieder mal einen außergewöhnlichen Weg. Bewusst geht er mit den Geschichten an die Öffentlichkeit und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen denn: „Es ist die letzte Generation die erzählen kann.“ sagt der Projektleiter. Eine Bilderausstellung soll die Geschichten und Schicksale der Teilnehmer von 1945, die Menschen die ich kannte zeigen. „Zwei Projekte zeigen ein Gesicht und ich freue mich das Rhede insbesondere das Akku (Kulturamt) mir da keine Grenzen setzt, sondern mit mir gemeinsam den Weg gegen das Vergessen geht.“ sagt der Rhedenser der im übrigen auch liebevoll der „verrückte Künstler“ von den Senioren genant wird. Wallner lacht „Ich habe mit Kunst überhaupt nichts am Hut, ganz im Gegenteil – wenn ich die Mona Lisa und ihr Lächeln beschreiben müsste denke ich automatisch immer an Zahnschmerzen, ich weiß nicht warum?“

Es bleibt abzuwarten wie sich beide Projekte weiterhin entwickeln, eines ist zurzeit sicher, Wallner erstaunt nicht nur bei den Senioren oder Zeitzeugen, sondern auch bei den Kritikern.

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